Die Verschmelzung von Desktop und Mobile führt zu einer neuen Definition von Anwendungen.

Seit dem ersten Mobiltelefon gibt es Anwendung, die darauf laufen. SMS war beispielsweise solch eine Anwendung. Damals noch als nettes Gimmick und mit anderem Fokus gesehen (zur Benachrichtigung neuer Voicemail-Nachrichten.), entwickelte es sich schnell zur Killer-App für die Mobilfunkanbieter und Kunden. Das iPhone und der AppStore gaben der ganzen Entwicklung einen entscheidenden Schub, wodurch schließlich das Ökosystem mit seinen Geschäftsmodellen entstand wie wir es heute kennen. Apps, Start-Ups, Werbung, Vernetzung und vieles mehr. 

Mobile App-Nutzung steigt. App-Marktplätze stagnieren.

Während in vielen aufeinanderfolgenden Jahren ein stetiges Wachstum in den Marktplätzen zu verzeichnen war, egal ob Downloads, Werbung oder Revenue, ist für die letzten und kommenden Jahre eine Sättigung zu verzeichnen, die auch abzusehen war. "Was?! Apps sind doch populärer denn je", behaupten die einen. "Der App-Markt stagniert", schreien die anderen. Beides kann man so nicht stehen lassen. Beides ist keine Analyse, sondern nur das Ablesen einer Metrik. Beide haben nämlich recht.

Die Nutzungsdauer innerhalb von Apps ist nach wie vor ansteigend. Auch die Gesamtzahl der Downloads steig weiter an. Laut einer Studie von Flurry Analytics stieg im Zeitraum von 2014 bis 2015 stieg der Anteil der Menschen, die täglich mehr als 60 Mal eine App auf ihrem Tablet oder Smartphone nutzen, um 59%. Auch 2016 stieg die verbrachte Zeit in Apps. Die Zahl wird aber erst nachvollziehbar, wenn man sich anschaut, welche Apps auf den Endgeräten installiert sind. Mit Hilfe der App-Analyseplattform Priori Data sah man, dass die prominenten Verdächtigen sich in den Top Downloads befinden, nämlich Kategorien wie Entertainment, Fotografie, Soziale Netzwerke und Musik - also Whatsapp, Facebook Messenger, Instagram und Spiele. 

Im Folgejahr 2016 verdoppelte sich sogar die Nutzungsintensität von sogenannten Communitainment Apps um fast das Doppelte, während Games um 11 % fielen. Zu den großen Verlierern zählen besonders die Personalisierungs-Apps: in Deutschland nahm die Anzahl an gestarteten App-Sessions um 55 Prozent ab, der höchste Wert im europaweiten Abwärtstrend.

Die Nutzer schreiben sich also den ganzen Tag Messenger-Nachrichten, überweisen Geld per Mobile Banking und verfolgen ihren Sportverein. Für viele Marken und Produkte ist da wenig Platz oder Anknüpfungsmöglichkeit, wenn man nicht mit einem konkreten Mehrwert daherkommen kann. Daraus abzuleiten, man müsse im Rahmen seiner digitalen Markenstrategie eine App anbieten, weil alle Nutzer verrückt nach Apps seien, muss man kritisch hinterfragen. Blickt man dann noch darauf, wie viele Apps insgesamt im Drei-Monats-Mittel heruntergeladen werden, dann sehen die genannten Zahlen noch verheerender aus: gerade mal ein Drittel (33,9%) hat in 2016 mindestens eine App auf sein mobiles Device geladen (34.8% im gleichen Zeitraum des Vorjahrs). Davon wiederum hat sich gerade mal ein Viertel mehr als ein App installiert. Das als "alle laden Apps runter" zu interpretieren, erscheint sehr befremdlich.

Ist das nun der lang propagierte Tod der nativen Apps?

Die Veränderung der mobilen Landschaft.

Mobile native Apps haben ihre einzigartigen Vorzüge. Keine Frage. Man muss jedoch erkennen, wie sich der Umgang mit Apps verändert. Und das hat auch oder vor allem mit sich verändernden Rahmenbedingungen zu tun. Fernab der Frage, ob man erst iOS oder Android entwickeln sollte. 

Technologische Neuerungen und gesellschaftliche Veränderungen bewegen sich langsam aber zielsicher hin zu einer flexibleren, transparenteren und mobileren Struktur, als sie es in der Vergangenheit war. Prozesse werden digitalisiert oder auf digitaler Basis neu geschaffen, Mitarbeiter und Kunden werden durch digitale Anwendungen und Services befähigt und in den Prozess/die Kommunikation eingebunden. Anwendungsfälle werden komplexer und verlangen immer spezifischere Lösungsoptionen. Im Corporate-Umfeld kann es eine ausgewiesene Strategie sein, seinen Mitarbeitern ein Set an betrieblichen Apps an die Hand zu geben, um Prozesse zu beschleunigen, Daten zu zentralisieren oder Aufgaben mobil erledigen zu können. 

In vielen Fällen muss man miterleben, wie von Digitalisierung und digitaler Strategie gesprochen wird, aber eigentlich nur die Entwicklung einer (meist iOS) App gemeint ist.

Muss es aber immer eine native App sein?

Eine neue Definition von App muss her.

Vorab: Smartwatches haben nicht den sprunghaften Erfolg hingelegt, wie es erwartet wurde. Und auch vernetzte Kühlschränke mit eingebauten Webcams gehören auch noch nicht zum Durchschnittshaushalt. Trotzdem gibt es sie, genauso wie vernetzte Fernseher, mobile Betriebssysteme in Fahrzeugen und demnächst vielleicht vermehrt Smart Displays

Wir befinden uns also in einer fragmentierten Welt, wo eine Anwendung wie z.B. die Wettervorschau in sehr unterschiedlichen Ausgabeformaten, -medien und Nutzungsszenarien ausgegeben wird. Weder wirtschaftlich sinnvoll, noch nachhaltig performant und schon gar nicht dem Endkunden erklärbar, wäre eine individuelle (native) Umsetzung, die unterschiedlich aussieht oder asynchrone Updates bekommt - wenn überhaupt. 

Progressive Web-Apps finden immer breitere Unterstützung.

Nicht ganz so fragmentiert, aber trotzdem mit breitem Spektrum, ist das mobile Ökosystem. Wie schafft man unterschiedliche Betriebssysteme, OS-Versionen, Gerätehersteller und Browser so unter einen Hut zu bringen, dass der Nutzer immer und überall eine Anwendung starten kann. Google versucht dies über den Browser zu lösen. So sind Progressive Web Apps beispielsweise Web-Anwendungen, die jedoch mit Features daherkommen, die bisher besonders den nativen Apps zugeschrieben wurden: Offline-Fähigkeit, Performance, Engagement.

Nun kann sich aber eine Web-Anwendung wie eine native App verhalten, fast so, dass der Nutzer es nicht oder kaum merkt. Google setzt dabei auf die Schaffung eines globalen Standards, sodass es nicht nur ein Google-Ding bleibt, sondern eben übergreifend einsetzbar wird. Daher sieht man das Commitment zur Integration von PWAs bei anderen Browsern wie Opera, Firefox und auch Safari. Seit einigen Wochen sieht man wie Google eigene Apps als PWAs ausrollt, die sehr gut zeigen, wie gering der Unterschied ist, wenn es um Performance und Experience geht. Auf der Go-Plattform werden Apps wie Google Maps (URL am besten in den mobilen Browser kopieren), Contacts, Photos und einige mehr als PWA entwickelt oder sind eben schon längst als PWA im PlayStore eingebunden. In der PWA-Directory findet man darüber hinaus Umsetzungen von BMW, Autoscout24 oder Starbucks.  

Nun wurde bekannt, dass Microsoft mit dem nächsten Update von Windows 10 Redstone 4 auch PWAs unterstützten wird. Darüber hinaus werden jetzt auch bereits per Bing-Crawler PWAs gesucht und im Store aufgeführt. 

Instant Apps lassen bereits heute Grenzen verschwimmen.

Instant Apps sind ein weitere Schritt, der die Bezeichnung von Web, App und Native noch stärker verschwimmen lässt. Erst letzte Woche wurde der Google PlayStore in einer neuen Version veröffentlicht, dass modulare APK-Updates ermöglicht und somit den Grundstein für den Start von Instant Apps legt. Damit können einzelne Funktionen aus bestehenden nativen Apps, wie z.B. der Warenkorb eines Retailers, in der Websuche dargestellt werden. Oder die einfache Anwendung zur Bezahlung einer Parkuhr.

Instant Apps is really about re-thinking where apps are going. Web pages are ephemeral. They appear, you use them, and never think about them again. Apps have lots of friction and often you only want an app to perform one action or to get a specific piece of information.
— Dave Burke, Google VP of Engineering for Android

Wenn man also über Apps redet, dann meint man künftig nicht mehr die "physische" (native) App auf dem Device, sondern eigentlich nur das Anwendungs-Konzept dahinter. Welche Ausprägung die Lösung dann hat, ob native oder Web-App wird zunehmend egal bzw. wird der Nutzer gar nicht mehr unterscheiden können. Das ändert das Verständnis von Apps wie wir sie bisher gesehen haben. Und das muss es auch, bei den neuen Rahmenbedingungen. 

Mit Fuchsia OS wird sich alles ändern.

Vor zwei Jahr wurde bekannt, dass Google an einem neuen, eher neuartigem, Betriebssystem arbeitet, dass sich von der bisheriger Systematik unterscheidet. Da es aktuell noch mitten in der Entwicklung steckt und es keine offiziellen Infos gibt, kann man nur mutmaßen. Aber beim letzten erfolgreichen Versuch der Kollegen von Ars Electronica wurde ein wenig klarer, was damit erreicht werden soll. Mit Fuchsia OS wird genau die Brücke zwischen Desktop und Mobile Device geschlagen, die wir so dringend brauchen (werden). 

Google hat das neue Betriebssystem noch nicht einmal offiziell bestätigt. Im Grunde ist Fuchsia aktuell nur ein Haufen open source Code, der auf fuchsia.googlesource.com liegt. Aber über Umwege kann man einen ersten Eindruck bekommen, wie es sich verhält und wie es das Paradigma von Programmen, Apps und Modularisierung verändert . So ist auch die Beschreibung von Zirkon, dem Kernel von Fuchsia, zu lesen: 

Zircon targets modern phones and modern personal computers with fast processors, non-trivial amounts of ram with arbitrary peripherals doing open ended computation.

Besonders der modulare Umgang mit Anwendungen öffnet neue Möglichkeiten. Man erkennt an den Screenshots, dass einzelne Anwendungen über die Suche aufgerufen werden, als Karten erscheinen und in einem Feed wieder abgelegt werden. Dabei werden Anwendungen nicht als ganzes gestartet, sondern als eigene Instanz in einem Container samt dazugehöriger Daten, einer sogenannten Story. Somit kann eine Anwendung in unterschiedlichen Kombinationen mit anderen Anwendungen oder Dateien auftreten, auf Desktop sowie Mobile wohlgemerkt. Man kann sich so also ein Umfeld schaffen, das themenspezifisch benötigte Anwendungen sammelt, sodass man nicht - wie aktuell - zwischen Tabs oder Apps springen muss. Nimmt man dazu das Konzept von Instant Apps dazu, könnte ein Nutzer sich spezielle Funktionen von Anwendungen zu einer individuellen Super-Anwendung zusammenstecken. Auch die Tatsache, dass Fuchsia Offline-first entwickelt wird, zeigt wie sehr Fuchsia alles Bekannte über den Haufen wirft und beide - heute strickt getrennte Welten - vereinen will. 

A story is a logical container for a root application along with associated data. An instance of a story can be created, deleted, started and stopped by the system in response to user actions. Creating a new story instance creates an entry in the user’s ledger which stores the data associated with this story instance; deleting a story instance deletes the associated data.
— Fuchsia Documentation

Was ist ihre digitale Strategie?

Ok, aber welche Implikationen hat eine Definition von Apps auf digitale Strategien? Nun, wie schon erwähnt, tendiert man stellenweise eine App als Meilenstein einer digitalen Strategie zu feiern. Auch mehrere Apps sind noch keine Strategie. Schafft man jedoch das Verständnis darüber, wie ein Prozess oder Arbeitsschritt durch digitale Umsetzung verbessert werden kann, hat man bereits viel gewonnen. Einfache Digitalisierung von Papierprozessen sind natürlich ein erster naheliegender Schritt, aber erst die Verknüpfung von Tasks - und damit oft die Verkürzung von Prozessketten - führt zum eigentlichen Gewinn. Fängt man auf einem weißen (digitalen) Blatt Papier an und nutzt das digitale Spektrum, welche Möglichkeiten sich bieten, wenn Flexibilität und Offenheit als Prinzipien gelten. Sollten Sie ihre Enterprise-Anwendungen beispielsweise mit der Modularität von Fuchsia entwickeln, lassen sich im Grunde auf Knopfdruck unendlich viele, aber immer spezifische neue Anwendungen entwickeln. Vielleicht wird eine besondere Kombination von Skills nur temporär benötigt, möglicherweise ist sie aber auch ein Grundfunktion für viele Mitarbeiter. Diese Frage jedoch, sollte man sich in Zukunft nicht mehr stellen müssen. Genauso wie es heute Website-Baukästen oder CRM-Systeme gibt, wo man Funktionalitäten zusammensteckt, sollte man nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob man nun erst eine iOS oder Android App entwickelt.  

Wenn sie einen Scheißprozess digitalisieren, dann haben sie einen scheiß digitalen Prozess.
— Thorsten Dirks, ‎CEO Eurowings und Vorstand Lufthansa

Natürlich gehört zu einer umfassenden Digitalstrategie noch mehr dazu. Hat man jedoch die Basis geschaffen, dass sich Module universell einsetzen und kombinieren lassen und das Daten ausgetauscht werden können, ermöglicht man eine wesentlich schnellere und effizientere Digitalisierung von Produktion, Fertigung, Kundenbeziehungen und letztlich der gesamten Customer Experience.